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Kommunen

Visionen einer kinder- und familienfreundlichen Stadt

Zwei Kinder sitzen auf dem Boden und beschäftigen sich mit einem großen Puzzle.

Von Kerstin Schmidt

"Es bedarf eines ganzen Dorfes, um ein Kind zu erziehen"
Afrikanische Weisheit

Immer wieder ist die Forderung nach mehr Kinder- und Familienfreundlichkeit unserer Städte in der Presse zu lesen. Unsere Familienministerin Renate Schmidt setzt sich nahezu täglich für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und der damit verbundenen intensiveren Förderung der Kinder aller Altersklassen ein. Doch wie sieht die Realität in unseren Städten aus? Was macht eine kinder- und familienfreundliche Kommune aus? . und was braucht es, um eine solche zu werden?

Zunächst einmal ist unklar, was Kinder- und Familienfreundlichkeit auf kommunaler Ebene überhaupt bedeutet. Nahezu jede Kommune scheint etwas anderes darunter zu verstehen. Eine angemessene Kinderbetreuung gehört genauso dazu wie eine intakte Umwelt, ein gutes Angebot an Arbeitsplätzen, ausreichende Spiel- und Freizeitmöglichkeiten und wenig Gefahrenpunkte im Straßenverkehr. Klar wird daraus, dass Kinder- und Familienfreundlichkeit einer umfassenden, ganzheitlichen Sichtweise bedarf. Kinder- und Familienfreundlichkeit darf nicht allein auf Aspekte der Kinderbetreuung fokussiert bleiben. Gerade auf kommunaler Ebene sollte Kinder- und Familienfreundlichkeit ressortübergreifend gestaltet werden.

In der kommunalen Praxis kann man oft den Eindruck gewinnen, dass Kinder- und Familienfreundlichkeit vielerorts nur eine untergeordnete Rolle spielen. Ein nahezu flächendeckendes Angebot an Kindergartenplätzen gibt es in fast jeder Kommune (wenn auch noch nicht längst in allen). Aber ob und wie Kinder tatsächlich als Brücke in die Zukunft, damit als Zukunft unserer Stadtgesellschaft, verstanden und in diesem Sinne auch gefördert und unterstützt werden, ist fraglich.

Wir plädieren dafür, Kinder- und Familienfreundlichkeit als übergeordnete, gesamtkommunale Aufgabe zu begreifen. Die afrikanische Weisheit "Es bedarf eines ganzen Dorfes, um ein Kind zu erziehen" kann für Kommunen folgendes beinhalten:
 

  • enge Vernetzung und Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schulen, Schulverwaltung,
  • intensive Zusammenarbeit von vorschulischen Bildungs- und Betreuungseinrichtungen mit Grund- und weiterführenden Schulen,
  • Vernetzung aller Angebote für Kinder, z. B. in einer gemeinsamen Informationsbroschüre über Angebote für kinder- und familiennahe Dienstleistungen, Einrichtung einer Infostelle für Kinder und Familien,
  • individuelle Förderung von Kindern in besonderen Situationen, z. B. spezielle Sprachförderangebote für ausländische Schüler,
  • Integrationsangebote für ausländische Kinder und deren Familien und
  • modernes Angebot an Betreuungsmöglichkeiten für Kinder ab einem Alter von vier Monaten bis hin zur gesicherten Nachmittagsbetreuung in der Schulzeit.

Die wichtigste Voraussetzung für diese und sicherlich noch viele andere Aspekte der Kinder- und Familienfreundlichkeit ist die Frage, ob Kinder- und Familienfreundlichkeit ein realistisches und gewolltes Ziel der Kommune ist. Oder ob es lediglich bei einem Slogan in einer der vielen, gut gemeinten Info-Broschüren bleibt. Wer "Kinder- und Familienfreundlichkeit" sagt, muss klären, welche Ziele und Maßnahmen verfolgt werden. Letztendlich werden es die Kinder und deren Eltern ihren Kommunen danken.

Die einzelnen Punkte lassen sich zu folgendem Katalog zusammenfassen:

1. Kinder- und familienfreundliches Klima
Wir brauchen in der Stadt ein familien- und kinderfreundliches Klima. Ein Schlüssel zu einem familienfreundlichen Klima ist die Balance von Familie und Beruf. Eine gute Balance macht die Entscheidung für Kinder leichter. Ob diese Balance gelingt, hängt von den Arbeitsbedingungen ab, ebenso wie von den Angeboten zur Kinderbetreuung. Der nächste Schritt ist dann die Schaffung eines familienfreundlichen Klimas in den Städten. Kinder müssen von der gesamten Stadtgesellschaft aufgenommen und akzeptiert werden. Das Zusammenleben mit Kindern muss attraktiv gestaltet werden - und das muss für Bürger, die keine Kinder haben, auch wahrnehmbar gemacht werden. Kinder und Jugendliche müssen zudem das Gefühl haben, dass ihre Bedürfnisse in der Stadt beachtet werden. Einen Rahmen hierfür bieten Kinder- und Jugendparlamente, aber es gilt auch eine größere Zahl der Kinder und Jugendlichen zu erreichen. So können diese frühzeitig Verantwortung für ihre Stadt übernehmen. Gleichzeitig wird auf diese Weise deren Selbstvertrauen und Identifikation mit ihrem Wohnort gestärkt.

2. Transparenz
Um langfristig zukunftsfähig zu bleiben, benötigen Kommunen eine regelmäßige Kinder- und Familienberichterstattung für die politischen Entscheider einerseits, aber auch für die Bürger. Diese sollte Daten über Kinder ohne Schulabschluss ebenso beinhalten wie Information über Beratungsangebote.

3. Investitionen in die Kinderbetreuung sind Investitionen in den Standort
Der Ausbau von Angeboten der Kinderbetreuung der unter Dreijährigen, aber auch der Kinder von sechs bis zehn bzw. 14 Jahren ist erforderlich. Das findet sich heute nur in sehr wenigen Gemeinden. Die Mitarbeit der Eltern ist hierbei gefordert. Es geht dabei nicht bloß um die Regelbetreuungszeiten. Gefordert sind flexible Betreuungszeiten, die sich den Bedürfnissen von arbeitenden Eltern anpassen. Dazu gehören z. B. Ferienbetreuung oder die Einrichtung von Notplätzen in Kindergärten, wenn die reguläre Betreuung ausfällt.

4. Transparenz über Angebote schaffen
Die besten Angebote nützen nichts, wenn die Familien keine Informationen über sie erhalten. Die Verbreitung über die Presse erreicht lediglich einen Teil der Zielgruppe. Die Kommune muss daher Transparenz schaffen. Das kann z.B. über die Verteilung von Broschüren an jeden Haushalt oder über ein Internetportal geschehen. So spüren die Bürger, dass die Kommune das Ziel "Familien- und Kinderfreundlichkeit" ernst nimmt. Dies wiederum bindet die Menschen an die Kommune.

Resümee:
"Kinder sind nicht nur ein persönlicher Glücksfall, sondern auch ein wirtschaftlicher Gewinn und ein Wachstumsimpuls",
Christian Jacob, Familienminister Frankreich, in "Die Zeit", 26.2.2004.


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